ADVENTSFENSTER REMETSCHWIL 2019


Der krumme Tannenbaum    Adventsfenster Nr. 7    Familie Motsch, Remetschwil 

 

Tief drinnen im Wald stand ein kleiner Tannenbaum. Leider war er ziemlich krumm gewachsen. Einige Jahre merkte er nichts von seinem Fehler. Er freute sich über den Wind und den Sonnenschein und war immer fröhlich und glücklich. Darum hatte er auch viele Freunde. Rehe, Hasen und Eichhörnchen kamen zu Besuch und plauderten mit ihm.

Jedes Jahr wurde der Tannenbaum ein wenig grösser, aber leider blieb er krumm und schief.

Eines schönen Tages, es war im Frühling, neigte sich eine grosse Eiche zu ihm hinunter und raunte ihm zu: «He, Kleiner, du bist ja ganz schief. Wenn du nicht fleissig turnst und dein Gewicht auf die andere Seite verlagerst, wird nie etwas Rechtes aus dir.»

Da betrachtete sich der Tannenbaum zum ersten Mal von zuoberst bis zuunterst und ringsumher und merkte, dass er anders war als alle anderen Tannen. Die standen kerzengerade und prächtig da. Nur er allein war schief und krumm und zu allem Unglück hatte er auf der einen Seite fast keine Äste. Da schämte sich der Tannenbaum und wurde ganz traurig.

Als der Fuchs am nächsten Tag zu Besuch kam, fragte er ihn: «Entschuldige, lieber Fuchs, du bist doch so schlau – kannst du mir helfen, mein Gewicht auf die andere Seite zu verlagern, damit ich nicht mehr so schief bin?»

«Selbstverständlich kann ich das. Das ist für mich eine Kleinigkeit», lachte der Fuchs. Er wickelte seinen schönen buschigen Schwanz um den Stamm des Bäumchens, stellte seine Pfoten fest auf den Boden und zog so lange, bis es aufrecht und gerade dastand. Aber natürlich konnte der Fuchs nicht den ganzen Tag so dastehen. Er hatte schliesslich noch anderes zu tun. Und als er den Stamm wieder losliess, war der Tannenbaum so schief wie zuvor. «Das braucht natürlich Zeit ich komme dann morgen wieder.» Der Fuchs kam noch vier Tage lang und versuchte, der Tanne zu helfen. Aber am fünften Tag lernte er ein junges, hübsches Fuchsfräulein kennen. Von nun an hatte er keine Zeit mehr für den armen Tannenbaum. Er blieb einfach weg.

Der Tannenbaum wurde immer trauriger. Dicke harzige Tränen flossen an seinem Stamm hinunter und als das Eichhörnchen kam, um ein wenig auf ihm herum zu klettern, blieb es überall kleben. «Warum weinst du?», fragte das Eichhörnchen. «Du bist ja ganz nass und klebrig!»

«Ich schäme mich so, weil ich schief und krumm bin. Wenn ich wenigstens auf dieser Seite mehr Äste hätte, dann wäre ich nicht gar so hässlich.» Das Eichhörnchen rieb sich mit dem Pfötchen die Nase und dachte nach. Auf einmal fiel ihm etwas ein: «Birkenwasser!» Das Eichhörnchen machte vor Freude einen Hopser und rannte mit langen Sätzen davon. Bald darauf stand es wieder da, es hatte Maul und Pfoten voller Birkenblätter und fing an, die nackten Stellen des Tannenbäumchens einzureiben. «Was machst du denn da?» fragte der Tannenbaum ganz erstaunt.

«Ach, weisst du, mir ist etwas eingefallen, was mir die Birke erzählt hat. Den Menschen, das sind die, die immer so steif auf den Hinterbeinen herumstolzieren – wir nennen sie auch Zweibeiner -, diesen armen Tieren ist das ganze Fell ausgefallen, bloss auf dem Kopf haben sie noch ein paar Härchen. Damit sie die nun nicht auch noch verlieren, reiben sie den Kopf mit Birkensaft ein. Wenn es keine Birken gäbe, hätten die Zweibeiner überhaupt keine Haare mehr. Da habe ich mir eben gedacht, was für die Haare gut ist, könnte vielleicht auch für die Äste gut sein. Wir können es ja einmal probieren. Nützt’s nichts, so schadet’s nichts!»

Das Eichhörnchen kam nun Tag für Tag mit einem Mäulchen voller Birkenblätter, rieb die nackten Stellen des Tannenbaumes ein; aber es wollten einfach keine neuen Äste wachsen. Mit der Zeit verleidete es dem Eichhörnchen und es kam nicht mehr.

Nun wurde der Tannenbaum immer unglücklicher, er liess seine Äste hängen und hatte an nichts mehr Freude.

Darum verlor er mit der Zeit auch all seine Freunde – so ist es halt im Leben. Nur ein dicker Spatz blieb dem Tannenbaum treu. Er kam fast jeden Tag, den ganzen Sommer lang und auch noch im Herbst. Erst als es anfing zu schneien, blieb er eine Zeit lang weg. Er hatte ganz nahe beim Hühnerhof ein warmes Plätzchen gefunden. Dort war es gemütlicher als im tief verschneiten Wald.

Eines schönen Tages aber – es war kurz vor Weihnachten – kam der Spatz aufgeregt angezwitschert: «Tschiep, tschiep, ich weiss etwas, ich weiss etwas. Sie haben dieses Jahr zu wenig Weihnachtsbäume. Morgen kommen die Holzhacker, vielleicht nehmen sie dich mit, tschiep, tschiep, das wäre schön. Ein Weihnachtsbaum ist das Prächtigste auf der Welt. Er bekommt einen Hut aus Silber, wird mit bunten Kugeln und Kerzen geschmückt – am Abend leuchtet er wie der Sternenhimmel – alle stehen um ihn herum und singen ihm schöne Lieder vor. Wenn ich kein Spatz wäre, möchte ich am liebsten ein Weihnachtsbaum sein!»

«Kann man auch ein Weihnachtsbaum werden, wenn man so schief ist wie ich?» fragte der kleine Tannenbaum.

Der Spatz wusste nicht recht, was er antworten sollte. Alle Weihnachtsbäume, die er vom Fenster aus gesehen hatte, waren schön aufrecht und gerade gewesen. Aber er wollte das Bäumchen nicht enttäuschen, darum schwindelte er ein bisschen: «Natürlich! Schiefe Bäume sind sogar sehr beliebt, weil sie etwas Besonderes sind. Einen habe ich gesehen, der war so schief wie der Turm von Pisa. Das war der Schönste von allen!»

Da freute sich der Tannenbaum. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen und als am nächsten Morgen die Holzfäller in den Wald kamen, um die Tannenbäume zu schlagen, hätte er am liebsten gerufen: «Nehmt mich, nehmt mich!» Aber leider verstehen ja die wenigsten Menschen die Sprache der Pflanzen und Tiere. Zweimal gingen die Männer am kleinen Tannenbaum vorbei. Erst beim dritten Mal blieben sie endlich stehen. Sie hatten zu wenig schöne Bäume, so nahmen sie halt alle mit. Schöne und weniger schöne.

Als der Tannenbaum wieder zu sich kam, lag er auf einem grossen Wagen mit vielen anderen Tannen zusammen. Am nächsten Morgen stand er auf dem Markt bei einem alten Christbaumverkäufer. Da gab es ganze Haufen von Weihnachtsbäumen, grosse, kleine, Weisstannen, Rottannen, dicke und schlanke, prächtige und weniger prächtige. Immer wieder kamen Leute, sahen sich die Bäume von allen Seiten an, wählten einen aus, drückten dem alten Mann das Geld dafür in die Hand und machten sich auf den Weg nach Hause mit einem Weihnachtsbaum unter dem Arm.

Aber niemand wollte den krummen Tannenbaum kaufen. Jeder, der ihn anschaute, schüttelte den Kopf und legte ihn wieder an seinen Platz. So wurde es Heiliger Abend. Der Christbaumverkäufer rieb sich zufrieden die Hände. Nur noch drei Bäume waren übriggeblieben. Ein ganz grosser, ein ganz kleiner und der krumme.

Zuerst kam ein dicker Mann mit rotem Gesicht, er ging um die drei Bäume herum und fragte: «Habt ihr sonst nichts mehr?» Der Christbaumverkäufer schüttelte den Kopf: «Nein, leider nicht.» «Gut, dann nehme ich den Grossen da, ich kann ihn ja absägen.»

Nun kam eine Frau mit einer spitzen Nase. Sie befingerte die beiden letzten Bäume mit ihren kalten Händen und fragte: «Ist das alles was Sie noch haben?» «Ja, das sind die beiden Letzten.» «Gut, dann nehme ich den Kleinen da, der andere ist ja ganz schief und hat hinten keine Äste!»

Es dunkelte schon, viele Leute hasteten vorbei: aber niemand warf auch nur einen Blick auf den krummen Tannenbaum. Ganz verlassen stand er da, todtraurig, weil er den schönen Wald hatte verlassen müssen und nun doch kein Weihnachtsbaum werden konnte.

Aber dann stand plötzlich ein kleiner Junge vor dem Weihnachtsbaumverkäufer. Sein Gesicht war ganz blau vor Kälte.

Er trug verbeulte Hosen, klobige Schuhe und einen schlabbrigen Mantel. «Hätten Sie vielleicht noch ein paar Äste übrig?», frage er schüchtern. «Nein, Äste nicht, aber einen Weihnachtsbaum. Möchtest du nicht den nehmen?»

«Ja, ich möchte schon, aber ich habe halt kein Geld. Mein Vater hat keine Arbeit und meine Mutter hat gesagt, für uns sei ein Weihnachtsbaum zu teuer!»

Der Christbaumverkäufer schaute den Buben an. - Dann streckte er ihm das Bäumchen hin: «Da, ich schenke es dir! Es ist mein Letztes. Und hier hast du noch zwei Franken, mit denen kannst du Christbaumkerzen kaufen. Beeil dich, sonst sind die Läden zu! Fröhliche Weihnachten!» «Danke, danke tausendmal!», stotterte der Bub. Sein Gesicht war knallrot vor Freude. Er trug den Weihnachtsbaum auf dem Arm wie ein kleines Mädchen seine liebste Puppe.

Peter, so hiess der Bub, kaufte eine Schachtel mit farbigen Kerzen, schlich verstohlen in den Keller hinunter, nahm den Werkzeugkasten und sägte so lange am Bäumchen herum bis es beinahe aufrecht dastand. Dann setzte er es in den Blumentopf, ging heimlich in die Wohnstube und stellte es so in eine Ecke, dass man nur noch die schönere Seite sehen konnte. Er fand auch noch eine Schachtel mit Christbaumschmuck, sogar ein silberner Stern war dabei und ein Glöckchen.

Unterdessen sass seine Mutter in der Küche und schälte Kartoffeln. Das Herz war ihr schwer. Neben ihr sass Peters kleine Schwester Katrin. Sie hatte ganz traurige Augen und fragte die Mutter immer wieder: «Mutter, warum bekommen wir keinen Weihnachtsbaum? Wir sind doch brav gewesen, der Peter und ich. Das müsste das Christkind doch wissen, du hast doch immer gesagt, wenn wir brav sind…» In diesem Augenblick hörte man einen fernen Ton wie von einem Weihnachtsglöckchen. Dann ging die Stubentür auf und da stand er, ein strahlender, herrlicher Weihnachtsbaum. Das war eine Freude! Sicher ist in der ganzen Stadt kein Weihnachtsbaum so bewundert worden wie gerade dieser. Und er war so glücklich, dass er am liebsten einen Purzelbaum gemacht hätte, wenn Tannenbäume Purzelbäume machen könnten.

Am nächsten Morgen kam der dicke Spatz angeflogen. Er spähte durchs Fenster und als er seinen Freund aus dem Wald in seiner ganzen Pracht dastehen sah, sperrte er sein Schnäbelchen vor Staunen so weit auf, dass er es fast nicht mehr zubrachte.

Die armen Leute pflegten ihren Weihnachtsbaum wochenlang und als er schon fast keine Nadeln mehr hatte, wurde er nicht einfach verbrannt. Peter schnitzte aus dem Stamm ein kleines Schiff und eine lustige Puppe für seine Schwester. So hatte der kleine krumme Tannenbaum ein längeres und schöneres Leben als seine prächtigen Kameraden.

 

Quelle: Trudi Gerster