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CAMILLE CLAUDEL (1864 - 1943)

 

Wer modelliert und sich mit Skulpturen beschäftigt wird unweigerlich auf Auguste Rodin stossen. Ein fantastischer Bildhauer, der von 1840 bis 1917 in Frankreich lebte. Schon während meiner Kindheit habe ich einige Werke von ihm gesehen. Jedoch erst seit ich dreidimensional arbeite, habe ich mich mehr mit ihm auseinandergesetzt. Beim genaueren Studium seiner Werke wurde ich dann schnell stutzig.

 

So viele riesige Kunstwerke in so kurzer Zeit? Wie soll das denn gehen? Dabei fiel mir auf, dass auf Fotografien oft auch Frauen abgebildet waren, welche an seinen Skulpturen arbeiteten. Eine dieser Frauen war Camille Claudel. Zuerst war sie Rodins Schülerin, danach seine Geliebte und künstlerische Gehilfin. Sie war extrem begabt und hat Werke mit vollendeter Schönheit geschaffen. 

 

Leider nahm ihr Leben eine tragische Wendung. Nachdem sie sich von Rodin getrennt hatte, um unabhängig arbeiten zu können, fiel sie in eine tiefe Depression. In dieser Zeit zerstörte sie auch systematisch viele ihrer Werke

Nachdem ihr Vater und Unterstützer gestorben war, wiesen ihre Mutter und ihr Bruder sie gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik ein. Da blieb sie dann 30 Jahre lang, ohne je wieder künstlerisch tätig zu sein. 

 

Ihre Lebensgeschichte hat mich tief berührt und mir aufgezeigt, wie schwierig es damals war, als Frau den Beruf der Bildhauerin und Künstlerin auszuüben. Es zeigte mir auch auf, dass der Erfolg einer Künstlerin in dieser Zeit extrem stark vom Einfluss ihres Mannes bei den entsprechenden Gremien abhing. Oft wurden diese Frauen aber auch von den Männern ausgenutzt, sei es als Modell oder Quelle von Ideen, welche sie dann als ihre eigenen ausgaben. 

Camille versuchte aus diesem System auszubrechen und zerbrach daran. 

 

 

In Nogent-sur-Seine (100km von Paris entfernt) wurde 2017! endlich ein Museum zu Ehren von Camille Claudel eröffnet.

 

Die traurige Geschichte von Camille Claudel veranlasste mich dazu, von ihr ein Portrait zu modellieren.

In einem Buch über sie stiess ich auf zwei Fotografien, welche mich sofort in ihren Bann zogen. 

 

Die eine zeigt Camille 1884 als 20-jährige junge Frau. Ein Jahr, nachdem sie Rodin kennengelernt hatte. In ihrem Blick liegt etwas Trauriges, Unsicheres und zugleich Trotziges. Als würde sie fragen: Wo geht nun meine Reise hin? Innerlich wusste sie immer, dass sie Bildhauerin werden wollte. Zu diesem Zeitpunkt war sie jedoch noch sehr jung, unerfahren und mit manchem wohl auch ziemlich überfordert. Die Liebe zum 24 Jahre älteren Rodin, ihre Bewunderung für ihn und ihre Hoffnung auf eine künstlerische Zukunft bestimmten ihr Leben. 

Dieses Bild war die Vorlage für das erste Portrait. 

 

 

 

 

Quelle: Camille Claudel, Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen

Gebundene Ausgabe 1. Januar 1990, Edition Stadtbaukunst 

 

 

Im gleichen Buch fiel mir noch eine zweite Fotografie von ihr auf.

 

Dieses Bild ist 1886 entstanden. Camille als stolze Frau mit üppigem Hut und adretter Kleidung. Ihr Blick zeigt nichts mehr von der kindlichen Unsicherheit und Trotzigkeit von 1884. Sie war bereits einige Jahre Rodins Geliebte und verlangte von ihm, dass er sie heiratete und ihr auch andere Vorteile verschaffte. Sie hatte kühne Pläne und schaute stark und optimistisch in ihre künstlerische Zukunft. Dass es danach anders kommen würde, konnte sie damals noch nicht wissen. 

 

Mich faszinierten diese beiden Momentaufnahmen so sehr, dass parallel zwei ganz unterschiedliche Portraits entstanden. 

 

 

 

  

 

Quelle: Camille Claudel, Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen

Gebundene Ausgabe 1. Januar 1990, Edition Stadtbaukunst

 

Der erste Lockdown März bis Mai 2020 war eine intensive Zeit zu Hause mit homeschooling meiner Kinder und den entsprechenden zusätzlichen Aufgaben, welche all meine Energie brauchten. 

Als ich dann ab 11. Mai mein Atelier wieder öffnen konnte und die Kinder die Schule wieder normal besuchten, kehrte mein Drang zum Modellieren zurück. Die Abstinenz von meiner geliebten Tätigkeit äusserte sich in einem "Modellierrausch". Da ich im Voraus noch nicht genau wusste wie die Dame aussehen wird, baute ich, zwar mit einem Stab zur Stütze in der Mitte aber sonst ziemlich enthusiastisch, voll mit Ton auf. Innert kürzester Zeit hatte ich ca. 30 kg Ton verbaut. Das geht mit diesem stärker schamottierten französischen Ton problemlos.  Als die Form und Grösse dann ungefähr meinen Vorstellungen entsprachen, höhlte ich den Körper und den Kopf vorsorglich schon mal aus.  

 

 

Bei der zweiten Büste war ich mir anfangs nicht ganz sicher, wie ich sie darstellen wollte. Zuerst hatte ich an einen Kragen gedacht, welcher wie eine schützende Hand hinter dem Kopf emporwachsen würde, verwarf jedoch diese Idee bald wieder, weil es nicht zu der Stimmung und zum Ausdruck des Gesichts passte. 

Dafür beschäftigte ich mich etwas genauer mit den Frisuren der Damen dieser Zeit. Da meine fotografische Vorlage Camille nur von vorne zeigt, musste ich mir ausdenken, wie sie von der Seite und von hinten aussieht. In diversen Büchern fand ich Fotografien von modellierenden Frauen in den Ateliers der Künstler und an Kunstakademien, welche die damalige Haarmode sehr gut aufzeigten. 

 

Von dieser Büste wird momentan ein Bronzeabguss hergestellt.